Sichtbarkeit als Führungskraft: Warum gute Arbeit allein nicht reicht – und zum Karrierefehler wird

Du machst einen guten Job – trotzdem werden andere stärker wahrgenommen? Dann solltest du diesen Artikel lesen. Denn Sichtbarkeit als Führungskraft entscheidet mit darüber, ob deine Leistung gesehen wird – und hat nichts mit Selbstdarstellung zu tun.

Stell dir vor, du läufst abends durch eine fremde Stadt und hast Hunger. Richtig Hunger.

Irgendwo in einem kleinen Hinterhof entdeckst du ein Restaurant. Keine große Leuchtreklame. Kein Aufsteller mit „BEST PIZZA IN TOWN!!!“. Keine 48-seitige laminierte Speisekarte mit Fotos, bei denen selbst die Lasagne aussieht, als hätte sie innerlich gekündigt.

Du gehst rein, bestellst etwas und nimmst den ersten Bissen.

Fantastisch.

Und du fragst dich: Warum kennt diesen Laden eigentlich niemand?

Die Antwort ist ziemlich einfach:

Weil ihn niemand sieht.

Und vielleicht passiert dir als Führungskraft gerade genau dasselbe.

Du machst einen richtig guten Job. Du kümmerst dich um dein Team, löst Probleme, hältst schwierige Gespräche aus, triffst Entscheidungen und sorgst dafür, dass der Laden läuft.

Und trotzdem wirst du kaum wahrgenommen.

Denn eine unangenehme Wahrheit über Führung lautet:

Gute Arbeit ist nicht automatisch sichtbare Arbeit.

Auch die Harvard Business Review weist darauf hin, dass harte Arbeit allein nicht genügt, um beruflich voranzukommen – entscheidend ist auch, dass die Wirkung dieser Arbeit für andere sichtbar wird. (How to Become More Visible at Work)

Warum gute Führung oft unsichtbar bleibt

Vielleicht kennst du diesen Gedanken:

„Wenn ich gute Arbeit mache, wird das schon gesehen.“

Das klingt zunächst sympathisch. Schließlich möchtest du nicht ständig erzählen, wie großartig du bist.

Du willst nicht bei jeder Gelegenheit auf deine Erfolge hinweisen. Und wahrscheinlich möchtest du dich auch nicht wie ein Kugelfisch aufblasen, sobald die Geschäftsführung den Raum betritt.

Also arbeitest du.

Du lieferst.

Du kümmerst dich.

Und hoffst, dass die Qualität deiner Arbeit für sich spricht.

Das Problem: Deine Führungskraft sieht nur einen Teil davon.

Sie war nicht dabei, als du morgens das schwierige Gespräch mit einer Mitarbeiterin geführt und damit verhindert hast, dass aus einem kleinen Konflikt ein Flächenbrand wird.

Sie sieht nicht unbedingt, dass du deinem Team eine klare Priorität gegeben hast und deshalb gerade alle an den richtigen Dingen arbeiten.

Und sie bekommt möglicherweise auch nicht mit, dass ein Mitarbeiter heute selbstständig ein Problem gelöst hat, weil du ihn in den vergangenen Monaten genau dahin entwickelt hast.

Das Verrückte daran:

Je besser Führung funktioniert, desto unspektakulärer kann sie von außen aussehen.

Kein Drama.

Keine Eskalation.

Kein Chef muss zur Rettung eilen.

Es läuft einfach.

Leider steht dann niemand mit einem Schild daneben:

„Achtung! Das funktioniert hier gerade so gut, weil Kamela richtig gute Führungsarbeit macht.“

Deine Leistung verändert sich, sobald du Führungskraft wirst

Bevor du Führungskraft wurdest, war deine Leistung wahrscheinlich leichter zu erkennen.

Du hast ein Konzept erstellt.

Einen Kunden gewonnen.

Ein Projekt abgeschlossen.

Ein Problem gelöst.

Da war etwas, auf das du zeigen konntest:

Das habe ich gemacht.

Mit der Führungsrolle verändert sich das.

Plötzlich besteht ein großer Teil deiner Arbeit aus Dingen, die sich nicht auf den Tisch legen lassen.

Was zeigst du deiner Chefin, wenn du durch ein gutes Gespräch einen Konflikt verhindert hast?

Wo ist das fertige Produkt, wenn ein Mitarbeiter durch deine Führung gelernt hat, selbst Verantwortung zu übernehmen?

Was kannst du vorzeigen, wenn dein Team besser arbeitet, weil du für klare Prioritäten gesorgt hast?

Deine Leistung entsteht zunehmend durch andere Menschen.

Und ein Teil deiner Leistung besteht sogar darin, dass bestimmte Dinge gar nicht erst passieren.

Ein Konflikt eskaliert nicht.

Ein Projekt fährt nicht gegen die Wand.

Eine Mitarbeiterin kündigt nicht innerlich.

Deine Leute rennen nicht wegen jeder Kleinigkeit zu dir.

Das ist gute Führung.

Nur ist sie eben nicht automatisch sichtbar.

„Ich will mich doch nicht selbst verkaufen“

Spätestens jetzt kommt bei vielen Führungskräften Widerstand.

„Soll ich meinem Chef jetzt ständig erzählen, was ich alles Tolles gemacht habe?“

Nein.

Darum geht es nicht.

Aber vielleicht lohnt es sich, genauer hinzuschauen, warum sich Sichtbarkeit als Führungskraft für dich so unangenehm anfühlt.

Viele von uns haben Sätze gelernt wie:

„Eigenlob stinkt.“

„Bescheidenheit ist eine Tugend.“

„Qualität setzt sich durch.“

„Wer wirklich gut ist, muss darüber nicht reden.“

Darin steckt etwas Richtiges.

Nur können solche Überzeugungen irgendwann dazu führen, dass aus Bescheidenheit Unsichtbarkeit wird.

Zwischen „Ich erzähle jedem ungefragt, wie fantastisch ich bin“ und „Ich hoffe, dass irgendjemand irgendwann zufällig meine Leistung bemerkt“ liegt ein ziemlich großer Raum.

Und genau dort findet professionelle Sichtbarkeit als Führungskraft statt.

Du kannst zum Beispiel sagen:

„Das war unsere Herausforderung. So habe ich die Situation eingeschätzt. Das haben wir entschieden. Und das ist dabei herausgekommen.“

Das ist keine Angeberei.

Du machst deine Führungsarbeit nachvollziehbar.

Gerade kooperative Führungskräfte tun sich damit manchmal schwer. Sie möchten Erfolge ihrem Team zuschreiben.

Das ist gut.

Nur bist auch du Teil dieses Erfolgs.

Vielleicht hast du die Prioritäten geklärt. Verantwortung übertragen. Einen Konflikt angesprochen. Eine Entscheidung getroffen. Oder genau im richtigen Moment nicht eingegriffen und deinen Leuten zugetraut, selbst eine Lösung zu finden.

Du nimmst deinem Team nichts weg, wenn du deinen eigenen Beitrag benennen kannst.

Die Harvard Business Review bezeichnet genau das als strategische Kommunikation. (How to Make Your Team’s Work More Visible.)

Sichtbarkeit als Führungskraft bedeutet nicht Lautstärke

Sichtbarkeit wird außerdem häufig mit Präsenz verwechselt.

Du kennst vielleicht diese Meetings, in denen ein Mensch zu wirklich jedem Thema etwas beitragen kann.

Finanzen?

Hat er einen Gedanken.

Marketing?

Natürlich.

Personal?

Selbstverständlich.

Kaffeemaschine im dritten Stock?

Da müsste man grundsätzlich einmal über die strategische Ausrichtung sprechen.

Nach 20 Minuten denkst du:

Beeindruckend. Der Mensch hat sehr viel gesprochen – und ich weiß immer noch nicht, was er eigentlich sagen wollte.

Akustische Sichtbarkeit ist eben noch keine Führung.

Du musst nicht in jedem Meeting sprechen.

Du brauchst auch nicht zu jedem Thema eine Meinung.

Manchmal reicht ein einziger Satz:

„Ich glaube, wir lösen gerade das falsche Problem.“

Oder:

„Bevor wir entscheiden: Was bedeutet das für den Kunden?“

Oder:

„Ich sehe dabei ein Risiko, das wir bisher noch nicht berücksichtigt haben.“

Das ist Sichtbarkeit als Führungskraft.

Nicht weil du gesprochen hast, sondern weil du einen Standpunkt eingebracht hast.

Mit der Zeit sollte für andere erkennbar werden:

Wofür stehst du?

Was ist dir wichtig?

Wie triffst du Entscheidungen?

Worauf achtest du?

Wie gehst du mit Risiken um?

Was tolerierst du – und was nicht?

Genau daraus entsteht dein Profil als Führungskraft.

Deine Führungskraft sollte nicht nach Informationen suchen müssen

Führung findet nicht nur in Richtung deines Teams statt.

Du führst auch nach oben und zur Seite.

Deine eigene Führungskraft muss nicht jedes Detail deines Arbeitstages kennen. Sie braucht keinen Tätigkeitsbericht im Stil von:

„9:15 Uhr: Gespräch mit Sabine. 9:47 Uhr: Problem gelöst. 10:03 Uhr: Führungskraft gewesen.“

Aber sie sollte ein Gefühl dafür haben, was in deinem Verantwortungsbereich passiert.

Was läuft gut?

Wo verändert sich etwas?

Welche Risiken entstehen?

Wo brauchst du eine Entscheidung?

Und was hast du bereits unternommen?

Stell dir zwei Führungskräfte mit demselben Problem vor.

Bei der ersten erfährt der Chef drei Wochen später zufällig davon.

„Sag mal, ich habe da etwas gehört. Was ist denn bei euch los?“

„Ja, stimmt. Das ist schon länger schwierig.“

Bei der zweiten klingt es so:

„Ich möchte dich kurz informieren. Zwischen zwei Leuten im Team entwickelt sich gerade ein Konflikt. Ich habe mit beiden gesprochen und werde jetzt Folgendes tun. Im Moment brauche ich nichts von dir. Wenn sich die Situation verändert, komme ich auf dich zu.“

Das Problem ist dasselbe.

Die Wirkung ist völlig unterschiedlich.

Bei der zweiten Führungskraft entsteht das Gefühl:

Da sitzt jemand am Steuer.

Genau das ist Sichtbarkeit.

Nicht: „Schau mal, Chef, wie toll ich bin.“

Sondern: „Du kannst dich darauf verlassen, dass ich meinen Bereich im Blick habe.“

Die vier Bestandteile guter Sichtbarkeit als Führungskraft

Für mich lässt sich gute Sichtbarkeit auf eine einfache Formel bringen:

Sichtbarkeit als Führungskraft = Wirkung + Kommunikation + Verlässlichkeit + eigener Standpunkt

Wirkung: Du leistest tatsächlich gute Führungsarbeit.

Kommunikation: Du sorgst dafür, dass relevante Menschen verstehen, was passiert und welchen Beitrag du leistest.

Verlässlichkeit: Andere erleben nicht nur einen guten Moment, sondern ein wiederkehrendes Muster. Du hältst Zusagen ein, informierst früh und übernimmst Verantwortung.

Eigener Standpunkt: Menschen verstehen, wie du denkst und wofür du als Führungskraft stehst.

Erst im Zusammenspiel entsteht ein klares Bild.

Kommunikation ohne Wirkung ist heiße Luft.

Wirkung ohne Kommunikation kann unsichtbar bleiben.

Und Verlässlichkeit plus Standpunkt sorgen dafür, dass aus einzelnen Situationen irgendwann Reputation entsteht.

Was sollen andere sagen, wenn du nicht im Raum bist?

Vielleicht ist das die wichtigste Frage:

Stell dir vor, dein Name fällt morgen in einer Besprechung, bei der du nicht dabei bist.

Deine Chefin sitzt dort.

Eine andere Führungskraft.

Vielleicht jemand aus der Geschäftsführung.

Was sollen diese Menschen über dich sagen?

„Sie ist klar und fair.“

„Auf ihn kann ich mich verlassen.“

„Wenn sie ein Problem anspricht, hat sie sich vorher Gedanken gemacht.“

„Er entwickelt seine Leute.“

„Sie denkt über ihren eigenen Bereich hinaus.“

„Wenn er etwas sagt, hat das Substanz.“

Welche drei Sätze möchtest du hören?

Diese Frage verändert den Blick auf Sichtbarkeit als Führungskraft.

Plötzlich geht es nicht mehr darum:

Wie kann ich mich besser verkaufen?

Sondern:

Welche Führungskraft möchte ich für andere erkennbar sein?

Und dann kommt die entscheidende zweite Frage:

Ist das heute schon sichtbar?

Wenn du möchtest, dass andere dich als klar erleben – wo können sie deine Klarheit beobachten?

Wenn du als verlässlich gelten möchtest – woran merken andere das?

Wenn du strategisch wahrgenommen werden möchtest – wo wird dein strategisches Denken sichtbar?

Du kannst nicht kontrollieren, was andere Menschen über dich denken.

Aber du kannst beeinflussen, welche Erfahrungen sie mit dir machen.

Und daraus entsteht mit der Zeit dein Ruf als Führungskraft.

Du brauchst keine lautere Version von dir selbst

Vielleicht ist das die wichtigste Entlastung zum Schluss:

Du musst für mehr Sichtbarkeit als Führungskraft nicht zu einem anderen Menschen werden.

Wenn du eher ruhig bist, darfst du ruhig bleiben.

Wenn du nicht gern im Mittelpunkt stehst, musst du nicht plötzlich jeden Raum betreten und denken:

„So. Wo ist hier meine Bühne?“

Wenn du kooperativ führst, musst du nicht anfangen, Erfolge deines Teams für dich zu beanspruchen.

Und wenn Bescheidenheit zu dir gehört, musst du sie nicht ablegen.

Du solltest nur aufpassen, dass aus Bescheidenheit keine Unsichtbarkeit wird.

Denn Menschen müssen die Chance bekommen zu erkennen, wofür du als Führungskraft stehst.

Deine Haltung.

Deine Entscheidungen.

Deine Wirkung.

Deine Verlässlichkeit.

Deinen Standpunkt.

Du musst dein Restaurant nicht an die Hauptstraße verlegen.

Aber ein Schild am Eingang wäre schon ganz hilfreich.

In Führung gehen beginnt bei dir.

Stefan

Über den Autor

Über Stefan Brandt

Stefan Brandt, Coach für Nachwuchsführungskräfte & Führungskräfteentwicklung

Ich bin Diplom-Psychologe und begleite seit über 20 Jahren Führungskräfte in Coachings, Seminaren und Trainings. In dieser Zeit habe ich mit mehr als 7.000 Coachingklienten und Seminarteilnehmenden gearbeitet.

Dabei habe ich eines immer wieder erlebt: Die eine „richtige“ Art zu führen gibt es nicht. Gute Führung entsteht, wenn du einen Führungsstil entwickelst, der zu dir, deinen Mitarbeitern und der jeweiligen Situation passt.

Genau dabei unterstütze ich insbesondere neue und angehende Führungskräfte: die eigene Rolle zu klären, Sicherheit in schwierigen Führungssituationen zu gewinnen und Menschen authentisch und wirksam zu führen.

Viele typische Stolpersteine aus meiner Arbeit habe ich im Guide „17 Fehler, die neue Führungskräfte machen – und wie du sie vermeidest“ zusammengefasst.

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